Herausforderungen im E-Rezept-System: Störungen, Ausfälle und deren Auswirkungen auf Apotheken und Patienten

Das E-Rezept-System, das seit 2024 in Deutschland für gesetzlich Versicherte verpflichtend ist, ist ein zentraler Bestandteil der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Ziel des Systems ist es, den Zugang zu verschreibungspflichtigen Medikamenten zu vereinfachen, indem es die Notwendigkeit von physischen Rezepten ersetzt. Doch in der Praxis zeigt sich, dass die Umsetzung mit erheblichen Herausforderungen verbunden ist. In den letzten Wochen gab es mehrfach Störungen und Ausfälle, die sowohl Apotheken als auch Arztpraxen betreffen. Dies hat nicht nur den Praxisbetrieb beeinträchtigt, sondern auch Patienten in Notlagen gebracht, die auf die sofortige Auslieferung von Medikamenten angewiesen sind.

Die Störungen betreffen verschiedene Komponenten des E-Rezept-Systems, darunter die SMC-B- und HBA-Karten, die für die sichere Kommunikation zwischen Ärzten, Apotheken und dem Gesundheitssystem erforderlich sind. Bei Fehlfunktionen dieser Karten können weder E-Rezepte erstellt noch eingelöst werden. Zudem können auch die elektronische Patientenakte (ePA) und der Nachrichtenversand über das KIM-System beeinträchtigt sein. Solche Ausfälle führen zu erheblichen Verzögerungen und sorgen für Frust bei allen Beteiligten.

In diesem Artikel wird ein Überblick über die Ursachen, Ausmaße und Auswirkungen solcher Störungen gegeben. Es werden auch die Reaktionen von Ärzten, Apotheken und Patienten beschrieben sowie Vorschläge zur Verbesserung des Systems diskutiert. Ziel ist es, ein differenziertes Bild der aktuellen Situation zu zeichnen und auf Grundlage der verfügbaren Informationen eine fundierte Einschätzung zu geben.

Ursachen und Ausmaß der Störungen

Die Störungen im E-Rezept-System sind meist auf Probleme innerhalb der technischen Infrastruktur (TI) zurückzuführen. Laut der Digitalagentur Gematik entstehen Störungen häufig durch Beeinträchtigungen von Komponenten oder Diensten, die von verschiedenen Herstellern betrieben werden. Diese Anbieter unterliegen strengen regulatorischen Vorgaben, beispielsweise hinsichtlich Verfügbarkeit, Reaktions- und Lösungszeiten sowie Dokumentationspflichten bei Störungen. In der Regel können Störungen durch den jeweiligen Dienstleister oder Hersteller zügig behoben werden. In komplexeren Fällen kann die Störungsbehebung jedoch mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Ein aktueller Ausfall wurde auf den Infrastruktur-Dienst zurückgeführt, der von der CompuGroup Medical Deutschland AG angeboten wird. Betroffen waren Apotheken, die E-Rezepte über die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und das System Cardlink einlösen. Obwohl E-Rezepte weiterhin angenommen und beliefert werden können, wenn der dazugehörige Token ausgedruckt wird, führt der Ausfall zu erheblichen Einschränkungen in der Praxis. In solchen Fällen ist es erforderlich, dass Patienten ihre Arztpraxen um einen E-Rezept-Ausdruck bitten.

Die Gematik betont, dass es sich nicht um eine flächendeckende Störung handelt, sondern dass die Probleme hauptsächlich bei Praxen und Apotheken auftreten, die Software des Anbieters CompuGroup Medical verwenden. Solche Ausfälle sind laut Apothekern jedoch nicht selten und sorgen immer wieder für Unruhe und Unsicherheit.

Auswirkungen auf Apotheken und Patienten

Die Störanfälligkeit des E-Rezept-Systems hat erhebliche Auswirkungen auf die Arbeit der Apotheken. Laut Apotheker Peter Müller, der die Löwen-Apotheke in Witzenhausen leitet, kommt es alle ein bis zwei Wochen zu Ausfällen. Diese können sich auf unterschiedliche Weise äußern: Manchmal betrifft ein Ausfall nur Patienten bestimmter Krankenkassen, manchmal funktioniert das ganze System nicht. In beiden Fällen können die Apotheken keine Rezepte abrufen und keine Medikamente aushändigen.

Für Patienten, die auf Medikamente angewiesen sind, kann das lebenswichtige Konsequenzen haben. Ein Beispiel dafür ist eine Kundin von Müller, die ihr Insulin nicht bekommen hat und deshalb panisch wurde. Auch Joachim Kirch, Inhaber der Löwen-Apotheke in Eschwege und der Meißner-Apotheke in Abterode, betont, dass es bei bestimmten Medikamenten, wie Antibiotika bei Gürtelrose, nicht möglich sei, einen halben Tag zu warten.

Apotheker Rudi Grünbauer aus Remseck am Neckar berichtet, dass bei Systemausfällen Patienten manchmal weggeschickt werden müssen, weil keine Daten ausgelesen werden können. „Wir wissen nicht, wie lange sich ein Ausfall hinzieht“, sagt Grünbauer. In solchen Fällen müssen Apotheken improvisieren und telefonisch nachweisen, dass eine Verordnung vorliegt. Dies erhöht den Arbeitsaufwand und sorgt für zusätzlichen Stress.

Kritik aus ärztlicher Sicht

Auch Ärzte beteiligen sich in der Kritik am E-Rezept-System. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg betont, dass es keine Frage der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit des E-Rezepts gibt, aber dass es in der Praxis zu vielen Funktionsausfällen kommt. Diese Ausfälle führen zu Rückfragen von Patienten und stören den Praxisbetrieb erheblich. Die Ärzteschaft bedauert, dass die eigentlich gute Idee der elektronischen Verordnung und Vernetzung nur lückenhaft anwendbar ist, was größeren Aufwand für alle Beteiligten bedeutet.

Laut Thomas Preis, Chef der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, hängt die Versorgung der Patienten gerade in Randzeiten, wie am Wochenende oder im Notdienst, „am seidenen Faden“. In solchen Fällen müssen Apothekerinnen und Apotheker viel improvisieren und telefonieren, um eine Rückbestätigung für die Verordnung zu bekommen. Preis fordert mehr Handlungsfreiheit für Apotheken, damit Patienten unbürokratisch versorgt werden können. Beispielsweise könnten Dauerpatienten, die immer ein Blutdruckmittel benötigen, über das Wochenende versorgt werden, ohne dass jedes Mal eine neue Verordnung vorliegt.

Lösungsansätze und Vorschläge zur Verbesserung

Um die Probleme des E-Rezept-Systems zu beheben, gibt es verschiedene Vorschläge. Apotheker fordern beispielsweise, dass sie in kritischen Fällen mehr Handlungsfreiheit erhalten, um Patienten auch bei Systemausfällen versorgen zu können. Laut Thomas Preis könnte dies bedeuten, dass bekannten Patienten Medikamente vorab ausgehändigt werden, um sie vor einer möglichen Notlage zu schützen. Diese Medikamente könnten später sicher abrechnet werden.

Ein weiterer Vorschlag betrifft die Redundanz des Systems. Laut der Gematik ermöglichen Redundanzmechanismen das Einlösen von E-Rezepten, wenn ein Teil des Systems ausfällt. Dies ist jedoch nicht ausreichend, um alle Probleme zu beheben. Es wird daher vorgeschlagen, die Infrastruktur des E-Rezept-Systems weiter zu optimieren und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Anbietern zu verbessern.

Auch die Kommunikation über Störungen und Ausfälle wird kritisch betrachtet. Die Gematik verweist auf ein Fachportal, in dem Störungen kommuniziert werden, und betont, dass eine spezifische Auswertung für Baden-Württemberg nicht vorliegt. Dies führt zu Unklarheiten und Unsicherheit bei den Betroffenen. Ein Vorschlag ist, die Transparenz über Störungen zu erhöhen und Apotheken sowie Arztpraxen besser über die aktuellen Probleme zu informieren.

Fazit

Das E-Rezept-System hat das Potenzial, den Zugang zu verschreibungspflichtigen Medikamenten zu vereinfachen und den Alltag von Patienten, Apotheken und Arztpraxen zu verbessern. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Umsetzung mit erheblichen Herausforderungen verbunden ist. Störungen und Ausfälle sorgen immer wieder für Frust und Unsicherheit. Diese Probleme betreffen nicht nur die technische Infrastruktur, sondern auch die Arbeitsabläufe in Apotheken und Arztpraxen.

Um die Situation zu verbessern, sind mehrere Maßnahmen erforderlich. Dazu gehören eine bessere Kommunikation über Störungen, eine Optimierung der Infrastruktur, mehr Handlungsfreiheit für Apotheken in kritischen Fällen und eine bessere Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Anbietern. Nur so kann das E-Rezept-System seine Vorteile voll entfalten und die Erwartungen der Betroffenen erfüllen.

Quellen

  1. e-Rezept-Störung am Mittwoch: Was ist passiert?
  2. Probleme mit dem E-Rezept in Baden-Württemberg
  3. Apotheker kritisieren E-Rezept-Störungen
  4. SWR-Bericht zu E-Rezept-Störungen
  5. Bundesweite Ausfälle beim E-Rezept

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