Die Sprachentwicklung bei Kindern mit Cochlea-Implantat (CI) ist ein zentrales Thema in der Hör- und Sprachtherapie. In der vorliegenden Studie wird der Spracherwerb zweijähriger Kinder untersucht, die kongenital taub sind und bilateral mit einem CI versorgt wurden. Der Schwerpunkt liegt auf den rezeptiven und expressiven Fähigkeiten, die anhand des Sprachentwicklungstests für zweijährige Kinder (SETK-2) beurteilt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass CI-versorgte Kinder im Vergleich zu normalhörenden Kindern in den meisten Subtests schlechter abschneiden, wobei die rezeptiven Fähigkeiten tendenziell besser ausgeprägt sind als die expressiven. Die Auswertung erfolgte sowohl nach Lebensalter (LA) als auch nach Höralter (HA), wobei letzteres als kritischer prognostischer Faktor gilt.
Die Studie betont die Bedeutung eines frühen Implantationsalters – idealerweise vor dem 18. Lebensmonat –, um eine altersgerechte Sprachentwicklung zu ermöglichen. Zudem zeigt sich, dass Kinder mit CI aufgrund eingeschränkter Hörwahrnehmung oft mit Schwierigkeiten im morphologisch-syntaktischen Bereich konfrontiert sind. Ziel der Rehabilitation ist es, den Spracherwerbsrückstand zu reduzieren, was durch qualitativ hochwertigen Input und gezielte Interventionen ermöglicht werden kann. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass der Spracherwerb bei CI-versorgten Kindern individuell und variabel verläuft, weshalb differenzierte Diagnostik und Therapieangebote entscheidend sind.
Rezeptive und expressive Sprachleistungen im SETK-2
Der Sprachentwicklungstest für zweijährige Kinder (SETK-2) wurde in der Studie genutzt, um die rezeptiven und expressiven Fähigkeiten CI-versorgter Kinder zu beurteilen. In den meisten Subtests schnitten die untersuchten Kinder signifikant schlechter ab als die Normstichprobe. Besonders auffällig war die Leistung im Untertest „Produktion von Sätzen“, in dem lediglich eine geringe Anzahl der Kinder (n = 6) in die Auswertung einbezogen werden konnte. Dies unterstreicht die besondere Schwierigkeit im komplexeren sprachlichen Bereich.
Die rezeptiven Fähigkeiten, also das Verstehen von Wörtern, erwiesen sich in dieser Studie als relativ stabiler. Dennoch lag der Anteil der Kinder, die im Normbereich blieben, im Vergleich zu den expressiven Fähigkeiten nochmals geringer. Diese Divergenz zwischen rezeptiver und expressiver Leistung ist in mehreren Studien beschrieben worden und deutet auf ein spezifisches Defizit im sprachlichen Output hin.
Eine mögliche Erklärung für die schlechtere Leistung im Untertest „Produktion von Sätzen“ könnte im Flexionssystem liegen. Kinder mit CI haben oft Schwierigkeiten, sich die notwendigen morphologischen Suffixe wie -t, -st oder -n anzueignen. Dies kann sich negativ auf die Subjekt-Verb-Kongruenz auswirken. Penke et al. betonen, dass für den Erwerb solcher Morpheme gezielter Input notwendig ist, da die Hörwahrnehmung eingeschränkt ist. Im Alltag führt dies oft zu Nachteilen, da die Kinder weniger Möglichkeiten haben, sich mit komplexer Sprache zu umgeben.
Auswertung nach Lebens- und Höralter
Die Auswertung der Sprachleistungen erfolgte in der Studie sowohl nach Lebensalter als auch nach Höralter. Der Begriff Höralter beschreibt das Alter, das ein Kind hätte, wenn man die Zeit nach der Implantation als Startpunkt betrachtet. Diese Auswertungsmethode ist in der Fachwelt umstritten, da sie nicht alle präoperativen kognitiven Erfahrungen berücksichtigt. Der Aussagewert, dass ein vierjähriges Kind den Entwicklungsstand eines zweijährigen Kindes erreicht hat, erscheint fragwürdig, da die kognitive und sprachliche Entwicklung divergieren kann.
In der Studie von May-Mederake und Shehata-Dieler wird ein Beobachtungszeitraum bis zum 5. Lebensjahr als guter Indikator für die Leistungsfähigkeit angesehen. Nach diesem Zeitpunkt hatten die Kinder mit CI oft die Lücke zwischen Hör- und Lebensalter geschlossen. Der kurze Normierungszeitraum des SETK-2 erschwert jedoch eine solche Beurteilung. Eine Kombination mit anderen Testverfahren wäre notwendig, um genaue Aussagen zu ermöglichen.
Der Einfluss des Implantationsalters
Ein weiterer Faktor, der in der Studie untersucht wurde, ist das Implantationsalter. Eine Metaanalyse von Bruijnzeel et al. zeigte, dass ein frühes Implantationsalter – insbesondere vor dem 12. Lebensmonat – sich positiv auf die linguistischen Fähigkeiten auswirkt. Je früher die Wahrnehmung von Schall ermöglicht wird, desto besser sind die Prognosen hinsichtlich des Spracherwerbs. Kinder, die vor dem 18. Lebensmonat versorgt wurden, zeigten deutlich bessere Leistungen, bis hin zu altersgerechten Ergebnissen.
Diese Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung eines zeitgerechten Eingreifens. Ein früher Zugang zum Hören ermöglicht es den Kindern, sich schneller an die gesprochene Sprache zu gewöhnen und damit sprachliche Fähigkeiten zu entwickeln. Dennoch zeigt sich auch bei Kindern mit frühem Implantationsalter eine gewisse Variabilität in der Sprachentwicklung, was auf individuelle Unterschiede hinweist.
Variabilität und Heterogenität in der Sprachentwicklung
Die Studien betonen, dass die Sprachentwicklungsverläufe CI-versorgter Kinder stark variieren. Dies gilt nicht nur für den Verlauf im Allgemeinen, sondern auch für die Entwicklung einzelner sprachlicher Fähigkeiten. In der vorliegenden Studie ist dies besonders in den rezeptiven und expressiven Leistungen zu erkennen. Während in einigen Subtests Leistungen im Normbereich erreicht wurden, gab es auch Fälle mit stark auffälligen Ergebnissen. Diese Heterogenität wird in mehreren Studien bestätigt und unterstreicht die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung.
Eine mögliche Erklärung für die variablen Verläufe könnte in den individuellen Umständen der Kinder liegen, wie beispielsweise der Qualität des therapeutischen Supports, der familiären Sprachumgebung oder auch der kognitiven Voraussetzungen. In der Studie von May-Mederake wird beispielsweise gezeigt, dass Kinder mit CI in einer Stichprobe von n = 28 im Mittel Leistungen im Normbereich erzielten, jedoch der Untertest „Produktion von Sätzen“ besonders schlecht ausgefallen ist.
Herausforderungen in der Morphologie und Syntax
Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie betrifft die Morphologie und Syntax. Kinder mit CI haben oft mit besonderen Schwierigkeiten in diesen Bereichen zu kämpfen. Dies ist auf die eingeschränkte Wahrnehmung der relevanten morphologischen Suffixe zurückzuführen. Die Subjekt-Verb-Kongruenz, also die Übereinstimmung zwischen Subjekt und Verb in Grammatik und Morphologie, ist ein besonderes Problem. Kinder, die kein ausreichendes Verständnis der grammatischen Strukturen entwickeln, sind hier in der Nachteilsposition.
Die Studien zeigen, dass die phonologische und morphologische Entwicklung ein erhöhtes Risiko für Störungen aufweist, was auch auf die narrativen Fähigkeiten ausstrahlt. Die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen und komplexe Sätze zu bilden, ist bei CI-versorgten Kindern oft eingeschränkt. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Kommunikationsfähigkeit und das Verständnis komplexer sprachlicher Strukturen.
Fazit
Die Sprachentwicklung von Kindern mit Cochlea-Implantat ist ein komplexes Thema, das sowohl diagnostische als auch therapeutische Herausforderungen mit sich bringt. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die rezeptiven Fähigkeiten tendenziell stabiler sind als die expressiven, wobei der Untertest „Produktion von Sätzen“ besonders problematisch ist. Ein frühes Implantationsalter und qualitativ hochwertiger Input sind entscheidende Faktoren für eine altersgerechte Sprachentwicklung. Dennoch bleibt die Sprachentwicklung variabel und individuell unterschiedlich, was eine differenzierte Betrachtung erfordert.
Die Auswertung nach Höralter ist in der Fachwelt umstritten, da sie nicht alle kognitiven und sprachlichen Erfahrungen berücksichtigt. Eine Kombination mit anderen Testverfahren ist notwendig, um präzise Aussagen über den Entwicklungsstand zu ermöglichen. Die Studie betont die Bedeutung von gezielten Interventionen und qualitativ hochwertigen Therapieangeboten, um den Spracherwerbsrückstand zu reduzieren und die Kommunikationsfähigkeit der Kinder zu fördern.
Quellen
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